Sonntag, 1. Juni 2014

Unterwegs mit Mach3.

Nun sind wir bereits seit einem halben Jahr im Canicrosstraining. Mein erster Trainingsplan ist bald durchgearbeitet. Ich merke, dass sich mein Körper ganz allmählich an die sportlichen Herausforderungen anpasst. Da der Trainingplan zunehmend anspruchsvoller wird, kann ich nicht behaupten, ich würde nicht ab und an noch einen deftigen Muskelkater mit mir herumtragen. Aber an guten Tagen schaffe ich Kilometerzeiten, von denen ich noch im Januar nicht zu träumen gewagt habe.
Auch in meiner mentalen Einstellung hat sich bereits etwas bewegt. Mittlerweile nimmt mein Gesicht vor jeder kleinen oder großen Steigung eine bockige Miene an und das kleine Männchen im Kopf flüstert: "So, und den Berg stampfst du jetzt in den Boden!" :-D Solche Momente erinnern mich daran, dass ich etwas aushalten, Hürden überwinden und mich durchaus auch mal durch Schmerz hindurchbeißen kann. Ich habe das Gefühl, dass diese Erfahrung mich auch außerhalb des Sports ein bisschen stärker macht. Ein unverhoffter Nebeneffekt - den ich dem Canicross-Sport zu verdanken habe.

Da sich unsere kleine Hannah zum Einen auch nach diesen ersten 6 Trainingsmonaten nicht immer verlässlich mit ihrer Rolle als Canicross-Zughund identifiziert und die zunehmend sommerlichen Temperaturen es ihr zum Anderen in ihrem Husky-Unterfell immer schwerer machen aktiv zu sein, kam ich vor Kurzem an den Punkt, dass ich gerne mal ein paar Lauferfahrungen mit einem anderen Hund sammeln wollte. Nicht um Hannah zu ersetzen - keiner kann sie jemals ersetzen -, sondern einfach aus dem Interesse heraus, zu erfahren wie es sich anfühlt, wenn man einen "echten" Zughund vor sich hat.
Und ich kann euch jetzt schon verraten: Der Unterschied ist enorm!

Hannah ist offenbar naturgemäß eher eine Rudel-Dauerläuferin als eine Solosprinterin. Diese Vermutung bestätigt sich für uns zunehmend. So ist sie eben, unsere Wölfin - und das ist auch völlig in Ordnung so. Wenn sie in der Stimmung ist, arbeitet sie ganz wunderbar und mit sichtlicher Freude. Dann läuft sie mit mir munter auf Zug jeden Berg hoch. Aber diese Stimmung ist eben nicht abrufbar. Und so wird jede Wettkampfteilnahme mit ihr zu einem Glücksspiel der Tagesstimmung. ;-) Das ist typisch für sie und passt zu ihrem eigenständigen Husky-Köpfchen.

Ingos Greyster-Rüde Eddie ist jetzt etwa 15 Monate alt - und mit seinen mittlerweile 40kg und seinem unglaublichen Vorwärtsdrang natürlich ein echtes Kontrastprogramm zu unserer Hündin mit ihren knapp über 18kg. Der erste Lauf mit ihm war anfangs von entsprechend viel mädchenhaftem Gequietsche meinerseits begleitet. :-D 40kg Hund vermögen meine eigenen 60kg problemlos in Bewegung zu versetzen - auch wenn ich das gerade vielleicht nicht will. Oder, na ja, wenn ich mich zumindest am Anfang und zum Üben nicht mit so hoher Geschwindigkeit vorwärts bewegen will. Aber "Üben" ist selbstverständlich kein gängiges Kommando für Eddie. ;-) Er ist eben schon ein Profi, wenn es um´s Ziehen geht, denn er wird täglich trainiert und ist einer der fittesten Turnschuhe im Revier.
Ich habe mich beim Loslaufen also erstmal darauf beschränkt, dafür zu sorgen, dass ich irgendwie in der Senkrechten bleibe, während Eddie mit unglaublicher und ungebremster Begeisterung vom Punkt weg vorwärts galoppiert ist und dabei einen (eigentlich viel zu großen) Teil meines Gewichts übernommen hat. Ich weiß ja mittlerweile, dass man den Hund in seiner Zugaufgabe "freigeben" muss und eher raumgreifende Sprintsprünge machen soll, um einerseits die eigene Kraft zu schonen und andererseits die Motivation des Hundes hoch zu halten. Aber Theorie und Praxis schienen auf den ersten Kilometern mit Eddie erstmal so wenig zusammen zu passen, wie Gewürzgurken und Schokoladeneis.
Ich war zum Glück nicht alleine unterwegs - R hat mich mit Balou begleitet. Das hat die Sache jetzt nicht direkt einfacher gemacht, denn die zwei Hundebrüder entwickeln zu Zweit nochmal eine ganz eigene Dynamik... ;-) Aber R hat sich auf den ersten 100 Metern mit bei Eddie ins Geschirr eingehakt und war somit bei den ersten Schritten mein wingman. Das hat mir Sicherheit gegeben. Und auch danach habe ich mich noch ab und an bei R in der Schulter festgekrallt, wenn ich bremsen wollte oder plötzlich sonstwie "Schiss inne Bux" hatte. Zu den frei werdenden Fliehkräften in Kurven (oder gar in engen Kehren!) finde ich hier erst gar keine Worte... ABER: Als ich mich dann nach etwas über 4km allmählich auf den völlig neuen Bewegungsablauf einlassen konnte und Eddie sein Tempo zusätzlich noch leicht nach unten regulierte... Da hat sich plötzlich das Grinsen auf mein Gesicht geschlichen. Aha, so fühlt sich Canicross tatsächlich an! Eine völlig neue Welt für mich. Und ich konnte die letzten 2km bis zum Auto dann sogar (trotz der nach wie vor bestehenden Anstrengung) richtig genießen. R genau neben mir, die beiden Hunde tempogleich und im Einklang vor uns. Großartig!

Die beiden Greysterbrüder laufen am Liebsten Schulter an Schulter.
Und weil dieser Lauf noch so angenehm in mir nachgeklungen hat, bin ich kurz darauf aus einer spontanen Laune heraus mit unserem Trainer und einigen anderen unserer Canicross-Jecken am 30. Mai zum Water Canicross in der Nähe von Amsterdam gefahren. Um dort mit Eddie, den ich insgeheim Mach3 getauft habe, zu starten. Eigentlich völlig verrückt. Nach nur einem Testlauf mit Mach3 bereits im Wettkampf an den Start zu gehen, erschien mir dann bei der Ankunft im Stadtwald Amsterdamse Bos auf einmal tatsächlich als echt blöde Idee. Aber manchmal braucht man eine Prise Verrücktheit und den Mut zum Experiment. Und plötzlich ging sowieso alles ganz schnell und schwups, stand ich in der Anmeldeschlange, der Trainer drückt mir den Hundepass in die Hand, ich sehe wie mir die Frau mit der Geldkassette lächelnd das Geld aus der Hand nimmt und die Daten von Eddie und mir notiert... - und schon bin ich für den 3km-Lauf angemeldet! Schockschwerenot.

Vor dem Start warten wir solange es geht, bis wir zur Startzone gehen. Ingo bleibt die ganze Zeit bei uns. Er sagt mir, dass ich mir keine Sorgen machen muss, weil Eddie ein echter Frauenversteher ist. Er beruhigt Eddie, der schon ganz ungeduldig ist und stark auf den Reiz der anderen, bereits startenden Hunde reagiert. Wir üben noch ein-, zweimal das Starten, indem Eddie und ich von einem Punkt aus auf Ingo zulaufen. Das alles nimmt mir meine Unsicherheit vor dem Start ein wenig.

Schon ist meine Startnummer dran, ich stehe an der Startlinie, Ingo ist nah bei uns. 3, 2, 1 - GO! Und plötzlich ist alles andere ausgeblendet, ich bin alleine auf der Wiese, vor mir ein enormer Hundekörper, der Geschwindigkeit aufnehmen möchte - und ich lehne mich rückwärts in den Canicross-Gurt und stehe voll auf der Bremse. Das freie, weite Feld auf dem die Startzone aufgebaut ist, erscheint mir gruselig. Kein Baum, an dem ich mich notfalls festhalten kann... Na ja, die Dinge die einem eben so durch den Kopf geistern, wenn man gerade einen ordentlichen Adrenalinschub erlebt. ;-)

Aber der Trainer kennt seinen Hund tatsächlich sehr genau. :-) Ich merke, nachdem Mach3 und ich die Startzone erstmal "tauziehend" hinter uns gelassen haben, dass Eddie sich ganz unmittelbar auf mich einstellt. Ich erwache aus meiner Starre, mache endlich größere Schritte, drücke mich bald fest vom Boden ab und finde auch endlich meine Stimme wieder. Eddie holt sich jetzt Rückmeldung bei mir ein, seine Ohren sind die ganze Zeit zu mir nach hinten gewendet, er reagiert auf meine Richtungsangaben und Geschwindigkeitskommandos und will es unbedingt richtig machen. Das erwärmt mir mein Herz. Jetzt gebe ich auch alles, um meinerseits für Eddie alles richtig zu machen. Es gibt viele Kurven zu bewältigen. Zwei Teams überholen uns. Wir überholen wiederum ein paar andere Teams. Auch das klappt prima.

Amsterdamse Bos hält viele breite und schmale Brücken für die Canicrosser bereit.

Wir müssen mehrere Brücken überqueren, manche aus Holz, manche aus Stein und Asphalt. Eddie hält vor der ersten Brücke eine Millisekunde inne, ich bestärke ihn nochmal schnell mit "ok, vor" - und er läuft ohne zu Zögern hinüber. Alle weiteren Brücken sind nun kein Thema mehr. Er bietet mir an, dass wir ein Team sind. Und das, obwohl er mich kaum kennt. Ein toller Hund. Nein, mehr als toll. Ich bin ein bisschen verliebt. :-)

Dann kommt das Highlight des Laufs: Die Wasserdurchquerung.

Fotografin: Pauline Zwaan (Dank je wel, mevrouw Zwaan!)

Auch hier gibt es kein Zögern, wir rennen einfach in die große Pfütze rein. Am Anfang kann Eddie noch durch´s Wasser waten, dann wird es zu tief und er beginnt zu schwimmen, etwa einen Meter von mir entfernt. Immer den anderen Hunden hinterher. Auf der Hälfte der Strecke merkt mein lieber Mach3, dass es wohl doch weiter zu Schwimmen gilt als er dachte - und er kommt ganz nah zu mir. Ich unterstütze ihn jetzt und halte ihn am Zuggeschirr an der Wasseroberfläche. (Später habe ich gelernt, dass es für uns beide energiesparender gewesen wäre, wenn ich einfach ganz hinten ins Zuggeschirr gegriffen hätte. Dadurch dass ich vorne ans Geschirr gegriffen und nach oben gezogen habe, ist Eddies Körper unter Wasser aus dem Gleichgewicht geraten, sein Po ist zu tief abgesunken, er hat angefangen wild mit den Vorderbeinen auf der Wasseroberfläche zu paddeln und ich musste viel von seinem Gewicht gegen den Wasserwiderstand vorwärtsschleppen. Doofer Fehler von mir. Entschuldige, Eddie.)

Nach dem Wasserteil, der auf dem letzten Drittel der Strecke lag, ging es noch über ein paar Brücken und um ein paar Kurven (nebenbei ein Lob an meine Salomon-Trailschuhe und Funktionssocken, aus denen das Wasser ganz schnell und prima abgelaufen ist, so dass ich nicht mit schweren Patschefüssen weiterlaufen musste) - und schon waren wir wieder zurück auf der großen Wiese, haben nochmal Gas gegeben und überquerten die Ziellinie! 3km ziehen manchmal einfach viel zu schnell an einem vorüber.

Fotograf: Johan Hollander (Hartelijk dank voor dat supermooi foto!)

Ich bin so froh, dass ich diesen Lauf gemacht habe. Danke, Ingo, dass du mir Eddie für die Strecke anvertraut hast! Ich bin einem Hund wie diesem natürlich läuferisch längst noch nicht gewachsen, vielleicht werde ich auch nie soweit sein. Aber es war eine ganz spezielle Erfahrung für mich, gerade weil ich nicht der laufstarke Part des Teams war und Eddie so bereitwillig für mich gearbeitet hat. Sowas habe ich noch nie zuvor erlebt. Abgerundet wurde dieser tolle Tag von einem schönen, gemeinsamen Picknick auf der Wiese des anliegenden Campingplatzes und prima Platzierungen all derer, die wir kennen und gern mögen. Im nächsten Jahr sind wir ganz bestimmt wieder mit dabei - dann hoffentlich auch mit R und Hannah, die bei diesem Ausflug leider nicht dabei sein konnten.

Danke für alles, Mach3, du alter Superhund! 





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